Süddeutsche Zeitung, Ressort Finanzen:
Übernahmen bewegten in diesem Jahr die Börsen weltweit. Eine Anlage in die Titel von Fusionskandidaten kann lukrativ sein, insbesondere wenn die Käufer 100% der Aktien einsammeln wollen. Neben der Anlage in Einzelwerte gibt es die Möglichkeit, auf spezialisierte Fonds oder Zertigikate zu setzen.
So schwungvoll wie nie zuvor drehte sich in diesem Jahr das Übernahmekarussell am Aktienmarkt. Weltweit wurden nach einer Studie des Datenanbieters Dealogic mehr als 29.000 Unternehmenszusammenschlüsse mit einem Gesamtvolumen von über 3,5 Billionen US-Dollar angekündigt. Damit wurde beim Gesamtwert sogar der bisherige Rekord aus dem Jahr 2000 übertroffen.
Die weltweiten Fusionsaktivitäten muten in diesem Jahr an wie ein Spiel ohne Grenzen, bei dem sich die Akteure oft über Kontinente hinweg mal freundlich, mal feindlich verbandeln. So kämpfte der Chemiekonzern BASF in zähem Ringen um die Übernahme des US-Katalysatorhersteller Engelhard, der Industriegaskonzern Linde übernahm den britischen Konkurrenten BOC. Aus der USA kam vom Börsenbetreiber Nasdaq eine Übernehmeofferte für die traditionsreiche Londoner Börse, und in Deutschland lieferten sich die Pharmakonzerne Bayer und Schering ein Bietergefecht um den Konkurrenten Schering.
Begünstigt wird die Fusionitis derzeit von mehreren unterschiedlichen Entwicklungen. So haben viele Unternehmen nach den Krisenjahren 2001 bis 2003 ihre Schulden reduziert, die Geschäftsabläufe gestrafft und die Gewinne gesteigert, was sie als Übernahmekandidaten attraktiver macht. Gleichzeitig sind die Zinsen immer noch im langfristigen Vergleich auf niedrigem Niveau, wodurch kreditfinanzierte Übernahmen immer noch recht kostengünstig sind. Überdies werden Firmenkäufer wie beispielsweise Private-Equity-Fonds mit Geld von vermögenden Privatanlegern und insitutionellen Investoren geradezu überschwemmt. Klaus Kaldemorgen, Chef der Fondsgesellschaft DWS, geht davon aus, dass sich das Fusionskarussell weiterdreht. "2007 wird nach 2006 wieder ein Rekordjahr für Unternehmensübernahmen", prognostizierte der Fondsmanager im jüngsten DWS-Marktausblick.
Als Begleiterscheinungen von Übernahmeaktivitäten treten in aller Regel starke Kursbewegungen auf. Wenn kein einzelner Mehrheitsaktionär vorhanden ist, muss der Käufer die weit verstreuten Kleinaktionäre dazu motivieren, ihm ihre Aktien zu verkaufen - und das funktioniert am besten über eine Kaufofferte mit einem kräftigen Aufschlag auf den aktuellen Börsenkurs. So dümpelte in den ersten beiden Monaten des Jahres die Aktie des Pharmakonzerns Schering zwischen 55 und 60 Euro - bis am 11. März die erste Übernahmeofferte von Merck in Höhe von 77 Euro pro Aktie kam. Zwei Wochen später konterte Bayer mit einem Angebot über 86 Euro pro Aktie, das später auf 89 Euro erhöht wurde. Im Herbst hatte Bayer dann so viele Schering-Aktien, dass ihm mehr als 95 Prozent des Unternehmens gehörten. Diese Quote ist die Voraussetzung dafür, das Unternehmen von der Börse zu nehmen und die verbleibenden Aktionäre mit einer festen Abfindung hinauszudrängen - ein Vorgang, der im Börsenjargon "Squeeze-Out" genannt wird. Hierfür gibt es zumeist nochmals einen ordentlichen Aufschlag, im Fall der Schering-Übernahme wurden 98,98 Euro pro Aktie geboten. Wenn die Minderheitsaktionäre den Preis für zu niedrig halten, können sie versuchen, über ein Spruchverfahren eine noch höhere Abfindung zu erzwingen, was allerdings mit ungewissem Ausgang verbunden ist.
Angesichts der regen Fusionsktivitäten stellt sich für Aktienanleger die Frage, ob mit dem Einstieg bei Übernahmekandidaten nicht eine lohnende Rendite winken könnte. "Besonders dann, wenn sich der breite Markt eher seitwärts bewegt, kann eine Übernahmespekulation Mehrertrag bringen", meint ein Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Allerdings sei für die Auswahl der in Frage kommenden Aktien sowohl Marktkenntnis als auch viel Zeit für die Analyse erforderlich. Außerdem sind Kurssteigerungen nach dem ersten Gebot nicht zwangsläufig vorprogrammiert. Wenn der Käufer nach der ersten Offerte genügend Aktien eingesammelt hat und lediglich die Kontrollmehrheit statt eines Squeeze-Outs will, kann der in der Hoffnung auf weitere Gebote bereits gestiegene Aktienkurs auch wieder sinken.
Wer die Auswahl der in Frage kommenden Unternehmen einem Profi überlassen und gleichzeitig nicht alle Eier in einen Korb legen will, kann Anteile an einem Aktienfonds kaufen, der sich auf Übernahmekandidaten spezialisiert hat. Allerdings hängt der Anlageerfolg vom richtigen Riecher des Fondsmanagements ab. So kam der Ende 2005 von der Privatbank Oppenheim aufgelegte Fonds "Greiff Special Situations" bislang nicht so recht in Gang: In den ersten neun Monaten dieses Jahres erzielte der Fonds einen Wertzuwachs von 4,8 Prozent, während der Vergleichsindex MSCI Europe 11,7 Prozent hinzugewann.
Eine Alternative zum Fonds kann ein Anlagezertifikat sein, das einen Aktienkorb aus verschiedenen Übernahmekandidaten abbildet. Allerdings kommt es hier darauf an, ob die Zusammensetzung während der Laufzeit fest bleibt oder in regelmäßigen Abständen angepasst wird. Bleibt der Aktienkorb unverändert, dann können während der Laufzeit keine kurzfristigen Übernahmeaktivitäten berücksichtigt werden. Der DWS-Sprecher rät dazu, sowohl bei Fonds wie auch bei Zertifikaten auf die internen Kosten zu achten. Bei Fonds seien dies neben dem Ausgabeaufschlag in erster Linie die jährlichen Verwaltungsgebühren, bei Zertifikaten werden oftmals die Dividenden einbehalten, so der Wertpapierexperte: "Je höher die Gebührenbelastung, umso stärker werden die Renditechancen für den Anleger beeinträchtigt."
Thomas Hammer, Telefon 07041.862866
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