DIE ZEIT, Ressort Wirtschaft/Computer:
Die behindertengerechte Gestaltung von Internet-Seiten hilft nicht nur Menschen mit Handicaps. Auch die Betreiber profitieren davon.
Im Einzelhandel ist schon lange klar: Wer den Eintritt in seinen Laden mit Stufen oder anderen Hindernissen erschwert, verursacht Ärger bei den Menschen, die aufgrund einer Behinderung ohne fremde Hilfe nicht hereinkommen können. Und er verschenkt Umsatz, weil die Betroffenen lieber bei der besser zugänglichen Konkurrenz einkaufen, selbst wenn sie dort ein bisschen mehr zahlen.
Im Internet hat sich diese Erkenntnis noch nicht auf breiter Basis durchgesetzt, obwohl im schnell wachsenden Markt der Online- Geschäfte viele behinderte Menschen aktiv sind. So ergab schon im Jahr 2002 eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, dass rund 80 Prozent der befragten Menschen mit Handicaps einfache bis gute Internet-Kenntnisse haben.
Weit oben in der Nutzergruppe stehen Blinde und Sehbehinderte, von denen sich mehr als die Hälfte als gute Kenner des Internets bezeichnen. Gerade beim Einkaufen oder bei der Abwicklung von Bankgeschäften bringt der Anschluss ans Netz oft eine deutliche Erleichterung beim Organisieren des Alltags - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Internet-Seiten auch für behinderte Besucher gut nutzbar sind. Das ist jedoch längst nicht immer der Fall.
Wenn Websites ohne Rücksicht auf Nutzer mit Behinderungen programmiert werden, gleicht die Navigation einem beschwerlichen Hindernislauf. Eine Internet-Seite kann sogar für solche Menschen nicht zu lesen sein, die gar nicht stark sehbehindert sind. Bereits eine unüberlegte Farb- und Kontrastwahl bei der Gestaltung kann dazu führen, dass bei Farbenblindheit der Inhalt unleserlich wird. Für Menschen mit motorischen Schwierigkeiten kann das Navigieren über winzige Klick-Knöpfe, die sich in der Größe nicht verstellen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes zur Zitterpartie werden.
Ein weiterer Knackpunkt ist die saubere Anbindung einer Internet-Seite an Hilfsprogramme für Behinderte. So verwenden viele Blinde einen so genannten Screenreader, der dem Nutzer den Inhalt der Internet-Seite vorliest. Das Ergebnis ist jedoch nur so gut wie der Programmcode der Seite.
Weil Grafiken nicht vorgelesen werden können, müssen sie mit einem verständlichen Text hinterlegt werden. Steht hinter einem grafischen Link beispielsweise nur "hier klicken" statt eines kurzen Hinweises auf das Ziel, wird das Navigieren durch den Internet-Auftritt zum frustrierenden Ratespiel. Auch die fehlende Strukturierung von Überschriften, Links und Inhalten produziert beim Vorlesen meist wirres Kauderwelsch.
Dabei ist es nicht unbedingt mit großem Aufwand verbunden, einen Internet-Auftritt barrierefrei zu gestalten. "Wenn er sauber strukturiert und programmiert ist, sind viele Elemente der Barrierefreiheit schon von vornherein enthalten", sagt Diplom-Behindertenpädagogin Ulrike Peter, Projektleiterin am Institut für Informationsmanagement in Bremen.
Doch schon an einer korrekten Programmierung, die den Standards des in diesen Fragen maßgeblichen World Wide Web Consortiums (W3C) entspricht, scheitern viele, die im Internet Geschäfte machen wollen. So ergab im vergangenen Jahr eine Untersuchung des nichtkommerziellen Validome.org-Internet-Projekts, dass nicht einmal vier Prozent der deutschsprachigen Internet-Seiten in vollem Umfang den W3C-Regeln gerecht werden.
Gleichwohl seien viele Online-Shop-Betreiber in Sachen Barrierefreiheit sensibler geworden, beobachtet Ulrike Peter. Dazu beigetragen hat der öffentlichkeitswirksame BIENE-Award, der zusammen von der Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen jährlich für besonders gelungene barrierefreie Internet-Auftritte verliehen wird. So gewann im Jahr 2004 die Postbank die Auszeichnung in Gold für ihren Zugang zum Online-Banking.
Dass sich auch 30.000 verschiedene Artikel ohne Hindernis präsentieren lassen, stellte der IT-Fachhändler Logiway aus Berlin unter Beweis. "Selbst einen Shop dieser Größenordnung kann man barrierefrei gestalten", sagt Dietrich Boelter von der Online-Agentur A&B.face2net, die den Auftritt entworfen hat. Der Lohn der Mühe: ein BIENE-Award in Bronze.
Thomas Hammer, Telefon 07041.862866
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